O.T.

Die Bilder der vierteiligen Werkgruppe, Mischtechnik auf Leinen, riefen im ersten Moment ein Schmunzeln bei mir hervor. Anscheinend zeigten die häufiger gewordenen Fernsehabende während der Corona-Einschränkungen ihre Wirkung. Doch die erste Erinnerung an das Logo eines Privatsenders verschwand so schnell wieder, wie hoffentlich auch die Notwendigkeit der Einschränkungen. Was bleibt sind die vier Bilder mit kräftigen Farben, die sich nicht durch strenge Formen einschränken lassen wollen. Die farbigen Flächen erscheinen als Art geometrische Formen über deren Grenzen die Farbe hinausdrängt, doch sie drängt gerade nur soweit, als dass sie die Form der eigenen Fläche in Frage stellen kann. Das Drängen der Farben endet dort abrupt, wo sich eine neue, weiße Fläche auftut. Wo die strenge Form der Geometrie durch die Farben überwunden wird, liegt nun eine neue Fläche, deren Grenzen wiederum durch das Übertreten von Farbe über klare Kanten und Linien bestimmt werden. Die Grenzen geometrischer Formen werden so zum Gerüst, an dem die Farben immer wieder neue Grenzen aushandeln. Dadurch scheinen wiederum erst die neuen, weißen Flächen zu entstehen, die zum Mittelpunkt der einzelnen Bilder werden. In den Werken 1 und 3 aus der Werkgruppe lässt sich dieser Aushandlungsprozess auch innerhalb der farbigen Flächen erkennen. Durch eine Art angedeutetes Gittermuster wird zum einen der Gerüstcharakter verstärkt, zum anderen wird angedeutet, dass diese Aushandlung in verschiedenen Größenordnungen möglich ist. Jedes der vier Bilder kann somit gut auch der vergrößerte Ausschnitt eines weiteren Gitters sein oder aber ein Fragment eines Ausschnitts aus weiteren Arbeiten von Stephan Schieritz. In den Werken aus der Reihe „Öl & Sprühlack auf Leinen, 2020“ werden die Formen der Flächen noch unkonkreter. Was bei den Werken zuvor noch direkt als eine Art Gitter- oder Netzmuster durchschien, wird nun komplett der Farbe überlassen. Mal scheinen dunkle Farben durch hellere hindurch, mal laufen sie ineinander, ohne zu vermischen. Dabei entsteht eine diffuse Räumlichkeit. Ähnlich einer aufgewirbelten Pfütze, über der ein bunt glänzender Ölfilm liegt, lässt sich bei einem Teil der Arbeiten nicht ganz sagen, ob man nun auf Wellenkrone oder -Tal schaut, also in welche Richtung sich nun der Raum eigentlich entfaltet. In anderen Werken dieser Reihe scheint es dagegen einen Moment von Ruhe zu geben. Das farbige Wallen ist erstarrt und schiebt sich zusammen wie Eisschollen, wenn das Meer gefriert. Größere Flächen dominieren, die Kleineren scheinen auf den ersten Blick nur noch Lücken im großen Ganzen zu sein. Was keinen Platz hat bricht ab oder schiebt sich unter. Beinah möge man meinen, die konkreten Formen kehren zurück, schaut man näher, zeigt sich jedoch, dass der Farbe nun das gleiche Schicksal zu drohen scheint, wie eingangs der Form. Während die einzelnen Farbflächen größer werden, ist es nun das Material, was dagegen aufbegehrt von der Farbe in eine Fläche gezwungen zu werden. Letztendlich macht die „Zweiteilige Werkgruppe, Acryltusche, Öl & Polychromos auf Leinen, 2021“ den Eindruck, Form, Material und Farbe können nun nicht mehr einfach so miteinander um Deutungshoheiten ringen. Die feinen Linien erzeugen hier eine Art Gitter, welches den Eindruck von Kompaktheit und Stabilität erweckt. Sie bringen einen Hauch von rationaler Ordnung zurück, ohne sich aber direkt Form, Material und Farbe überzuordnen. Es scheint, Stephan Schieritz habe auch hier wieder den Turmbau zu Babel im Hinterkopf, der sich in einigen seiner Werke finden lässt. Form, Material, Farbe und (an)Ordnung bieten verschiedene Ausdrucksformen, gleich verschiedenen Sprachen. Dabei ist jedoch nicht Ziel diesen Turm zu bauen, sondern Ziel ist, die Idee des Turmes zu zerlegen. Während der Turmbau zur Trennung aufgrund unterschiedlicher Sprachen führte, zeigt sich im Zerlegen in einzelne Fragmente, wie es im Werk geschieht, die Möglichkeit, die Trennung nicht als endgültig hinzunehmen.

Falko Apel, B.A., 2021

Von den Kontrasten zu den Verläufen, von den Formen zu den Räumen, vom Bestimmten zum Unbestimmten,

so stellt sich beim ersten Betrachten die Bewegungsrichtung der jüngsten Arbeiten des Leipziger Künstlers Stephan Schieritz dar. Während die älteren Werke der insgesamt neun dargestellten Werkgruppen hauptsächlich geometrische Formen – bestehend aus feinen dunklen Graphit- und Tuschelinien – abbilden, verlassen die neueren Arbeiten dieses Schema sukzessive. Im Vordergrund stehen immer häufiger große farbige Flächen aus Acryl und Öl, die durch ihre Tiefenstruktur räumliche Perspektiven entfalten und so die Zweidimensionalität der früheren Arbeiten kontrastieren. Es lässt sich erahnen, dass sich Stephan immer weiter aus seinen Varianten des „Turmbaus zu Babel“ herausarbeitet und dabei einen Weg vom Konkreten zum Abstrakten einschlägt: Ideen werden nicht mehr ausbuchstabiert, sondern nur noch angerissen. Elemente nicht mehr in ihrer Gänze dargestellt, sondern als Teil. Im Fokus steht nicht mehr ein Zentrum, sondern die Zentren vervielfältigen und breiten sich auf der gesamten Fläche aus. Höhepunkt dieser Entwicklung stellt die Leinwand O.T., Öl & Sprühlack auf Leinen, 2020, 40 x 50 cm dar, bei der das Intentionale scheinbar völlig durch das Zufällige abgelöst wird, wodurch die Formen nicht mehr fixiert werden können, sondern als Tropfen auf der schweren blauen Ölfarbe umherschwimmen. Das Charakteristische für Stephans Bilder ist jedoch, dass die zeichnerischen Elemente der früheren Arbeiten eben nicht vollständig verschwinden. So zitiert Stephan nicht nur immer wieder den „Turmbau zu Babel“ mittels netzartiger Muster an, sondern stellt Bezüge her, die an die konkrete menschliche Erfahrungswelt anknüpfen. Grenzen werden weiterhin markiert, wenn auch durch subtilere Techniken wie Auslassungen, die die überbordenden Farbflüsse dann doch wieder einfangen und ein Ende in der Form finden lassen. Genauso wie Formen und Flächen, Tiefen‑ und Oberflächenstruktur kombiniert werden, so wird auch das Fragmentarische im Ganzen stabilisiert. Denn obwohl das Bruchstückhafte, Aufgesprengte zunächst Unruhe und Rastlosigkeit suggerieren, gerät das Konstrukt nicht aus dem Gleichgewicht. Es scheint als würden die Elemente seiner Bilder um einen unsichtbaren Schwerpunkt kreisen und dadurch ihre Stabilität zurückgewinnen.

Rebecca Hohnhaus, M.A., 2021

speaking in tongues

Zu den Arbeiten von Stephan Schieritz Unsere Gewissheiten sind Illusionen. Unsere Welt ist zusammengesetzt aus Artefakten, Zeichen und Bedeutungen. Wir bedienen uns Sprachen und Codes die größer sind als wir. Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen. Wir (re)produzieren ständig Ordnungen und Konventionen, spielen Spiele, deren Regeln wir undurchschaut akzeptieren. Wir bewegen uns in einem Dickicht aus Konsistenzattrapen, auf deren Funktionalität wir blindlings vertrauen - eine Entwirrung würde freilich keine Erholung, sondern challenge bedeuten. In den vorliegenden Arbeiten von Stephan Schieritz scheinen derartige erkenntnis- und sprachkritische Erwägungen kein Bürde darzustellen. Vielmehr wird bei ihm die Skepsis gegenüber unseren elementaren Raum- und Sprachordnungen zum Agens einer Reihe von sublimen Meditationen in vorgefundenes und erfundenes Material. Wenn Realität als fragmentiert und zerbrechlich gedacht wird, dann lässt sie sich umstellen und neu interpretieren. Stephan Schieritz findet eine Formsprache, die nicht kapituliert vor den Mächten des Kanonischen und Faktischen, nicht erstarrt vor der Überlieferung. Gegen eine fatalistische Ergebenheit inszeniert er kleine Irritationsmomente. Er ist zuversichtlich, dass sich im Detail eine Welt eröffnet, dass in der Zerlegung und Neuzusammensetzung eine Kraft liegt. Der formgebende, gestalterische Wille kann uns Mut machen. Auch jenseits der Kunst. In der Arbeit „Objekt_1, Objekt_2 & Objekt_3“ wird eine Spannung erzeugt zwischen dem Naturstoff Holz - der Strenge seiner materialen Vorgaben - und der luftigen raumkompositorischen Inszenierung von Fläche/Raum Interaktionen. Die Arbeit „No_1, No_2 & No_3“ ist eine zeichnerische Meditation auf Stillstand und Bewegung, auf Hell- und Dunkelheit, auf Grund und Rhythmus. Die unterschiedlichen flächigen Figuren sind eine Verdichtung von Strichen. Ihr Wabern im Bildraum ist nicht Ergebnis einer Einfriedung, sondern Momentaufnahme einer Assemblage. In der großformatigen Arbeit „Graphit“ wird wiederum mit Strichen gearbeitet. Hier wird allerdings durch die Reduktion auf geometrische Figürlichkeit ein anderer Effekt erzielt: Die gezeichnete Fläche kommuniziert mit Wand und Boden und befreit den Raum somit aus seiner Invarianz. Bei „Stricher*innen“ wird durch eine Holzlatte zwischen zwei monolithisch anmutenden schwarzen Tuschezeichnungen eine Irritation erzielt: Zeichnungen und Holz schaffen eine massive skulpturale Raumpräsenz, die mit Blick auf den Titel der Arbeit scheinbar in den Raum der Sprache überführt werden soll. Die semantische Echokammer bleibt allerdings leer. „Hello_I_Must_Be_Going“ ist eine Serie von fünf Objekten, in der durch Titel und Text ein Rekurs auf die kulturindustriell ikonischen Interpretationen des Songs „You can’t hurry love“ von Phil Collins (Cover) und den Supremes (Original) vorgenommen wird. Wie im Pop entzieht sich auch in dieser Arbeit „Liebe“ einer eindeutigen Fixierung. Die Ausbreitung in die Fläche produziert gleichwohl eine Zugänglichkeit zu diesem ansonsten opaken Kulturphänomen. Ohne allerdings seine Banalität zu behaupten. In „Pieters Turmbau zu Babel“ wird Bruegels „Turmbau zu Babel“ in Striche zerlegt und wieder zusammengesetzt. Durch diese Reduktion auf linierte Flächen unterschiedlicher Dichte gewinnt der schematische Turm im Bildraum eine Stabilität, die antithetisch zum Original nicht die Hybris der Menschen beklagt, sondern Vertrauen in formale Gestaltungsprinzipien ausstrahlt.

Thomas Beineke, M.A., 2019